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Für eine Ethik der Zuwendung | Well

Für eine Ethik der Zuwendung

Der Machbarkeitsglaube der modernen Medizin
Giovanni Maio

ZuwendungWer möchte die Möglichkeiten, die die moderne Medizin uns heute bereitstellt, missen? Wir haben ihnen viel zu verdanken, von Anbeginn unseres Lebens bis zum Ende. Die Medizin hilft uns, unser Leben sorgenfreier zu leben, sie fängt uns auf, wenn uns eine Krankheit ereilt, die noch vor hundert Jahren ein sicheres Todesurteil bedeutet hätte. Insofern ist es eine große Errungenschaft, dass wir über eine moderne, gut funktionierende Medizin verfügen. Und doch liegt darin bereits der Keim einer Fehlentwicklung.

Mit Fehlentwicklung meine ich die Beobachtung, dass die Medizin im Taumel ihres Erfolges insgeheim verspricht, alles im Griff zu haben. Sie suggeriert zunehmend, dass man sich heute, im Zeitalter einer hocheffektiven modernen Medizin, mit nichts mehr anzufreunden brauche. Die Medizin entwickelt ganze Arsenale zur Bekämpfung – aber sie leitet nicht an zu einem akzeptierenden Umgang mit dem, was ist. In unserer Zeit können wir es schier nicht aushalten, wenn es eine Grenze gibt. Wir möchten am liebsten alle Grenzen abschaffen, alles können, alles selbst entscheiden, alles so haben, wie wir uns das vorstellen. Aber das ist ein falsches Verständnis von Freiheit und zugleich ein falsches Verständnis von einem guten Leben. So wie die Ufergrenzen den Fluss erst möglich machen, so sind auch für den Menschen die Grenzen notwendig dafür, dass er sich als Mensch begreifen kann. Grenzen sind also nicht als Beschränkung und Einengung zu verstehen, sondern als die Voraussetzung für Fülle.

Beispiele: Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, länger zu leben? Gar für immer zu leben? Ein alter Menschheitstraum. Und doch wird uns, wenn wir genauer darüber nachdenken, klar, dass es gerade die Begrenztheit der Zeit ist, die unserem Leben Sinn und Tiefe verleiht. Die Grenze ist also nicht unser Menetekel, sondern gewissermaßen unsere Rettung. Weiter: Wer hat nicht schon mit dem Gedanken gespielt, ein anderer zu sein, sich sein Aussehen, seine Talente und Fähigkeiten selbst aussuchen zu können? Jeder Mensch hat solche Wünsche. Aber könnten wir selbst aussuchen, welche Ausstattung wir mitbekommen, was wäre das für ein Leben?

„Die Grenze ist Bedingung für das Volle“

Ist es nicht gerade das Bewusstsein darum, dass wir eben so sind und nicht anders, das uns dazu auffordert, etwas aus dem zu machen, was wir sind? Hätten wir alles selbst ausgesucht, was sollten wir dann mit unserem Leben anfangen? Sind es nicht gerade die Herausforderungen des Nicht-Selbst-Ausgesuchten, die unser Leben interessant machen, weil wir nur so eine Chance bekommen, uns irgendwie zu bewähren? Weiter: Viele wünschen sich heute Kinder ganz nach ihren eigenen Vorstellungen: gesunde, schöne und intelligente Kinder. Verständlich, dass man Kinder haben möchte, die es nicht schwer haben sollen in ihrem Leben, Kinder, die nicht einfach kommen, wie sie kommen, sondern deren Existenz von „optimalen Startbedingungen“ abhängig gemacht wird. Aber auch hier: Wie können Kinder glücklich werden, wenn sie wissen, dass sie nicht existieren, weil sie einfach so sind, wie sie sind, sondern weil ihre Eltern festgelegt haben, wie sie zu sein haben? Ist es nicht gerade ein Segen, dass Kinder einfach kommen, ohne dass wir sie uns ausgesucht haben? Dass weder sie noch wir ihr und unser Sein zu rechtfertigen haben?

Ein paar Beispiele nur, die aufzeigen sollen, wie gefährlich es ist, allein auf Machbarkeit zu setzen. Das, was auf den ersten Blick als Bürde erscheint, wird im zweiten Zuge zu einer Chance. So gilt es zu bedenken, dass das erfüllte Leben nur möglich ist, wenn der Mensch einen guten Umgang mit der Grenze erlernt. Die Grenze also als Bedingung für das Volle.

Und doch wäre es eine zu billige Kritik, würde man die technischen und naturwissenschaftlich ermöglichten Grenzerweiterungen pauschal verurteilen wollen. Die meisten von uns verdanken ihre Gesundheit, oft sogar ihr Leben genau dieser Technik und dem naturwissenschaftlichen Zugang zum Menschen, wie er in der Medizin gelehrt wird. Daher kann die Lösung der Probleme keine pauschale Machbarkeitskritik sein. Es geht vielmehr darum, kritisch und differenziert unterscheiden zu lernen zwischen dem, was uns befreit, und dem, was uns versklavt. Bis wann verhelfen uns die Möglichkeiten zu einem erfüllteren und freieren Leben? Ab wann tun sie dies nicht mehr, sondern beginnen uns zu beherrschen?

Wasser

Ethik der Besonnenheit

Um dieses Beherrschtwerden zu vermeiden, ist es wichtig, dass der Mensch sich von den Angeboten und Verheißungen nicht einfach mitreißen lässt, sondern dass er eine reflektierte Haltung dazu einnimmt. Eine Ethik der Besonnenheit versucht immer das Ganze zu sehen und fordert auf, sich im Hinblick auf das Ganze für die Realisierung des erkennbaren Guten im Sinne des guten Lebens einzusetzen. Der Mensch kann nur dann glücklich werden, wenn es ihm gelingt, bezogen auf all die Möglichkeiten der modernen Medizin eine solche innere Überlegenheit zu entwickeln, die ihn davor bewahrt, in den Sog der Machbarkeit zu geraten. Alles scheint so selbstverständlich, dass man in Automatismen hineinrutscht, die man gar nicht mehr reflektierend gestaltet, sondern durch die man wie durch ein unsichtbares Gesetz gestaltet wird, indem man immer weiter in eine Richtung treibt, für die man sich nie bewusst entschieden hat. Besonnen zu bleiben bedeutet daher nichts anderes als die Fähigkeit, sich nicht blenden zu lassen durch das Arsenal der Möglichkeiten und stattdessen Abstand zu gewinnen gegenüber den Verführbarkeiten einer zunehmend marketinggeleiteten Medizinindustrie.

„Bis wann verhelfen uns die Möglichkeiten zu einem erfüllteren Leben? Ab wann tun sie dies nicht mehr, sondern beginnen uns zu beherrschen?“

Ein Grundproblem der modernen Medizin liegt gerade darin, dass sie immer mit Aktionismus reagiert, mit dem Versprechen des Machbaren, der Vision der Veränderung des Körpers. Eine auf Machbarkeit fixierte Medizin setzt jedenfalls immer nur auf die zu verändernden äußeren Gegebenheiten des Lebens, sie setzt auf die Korrektur des kranken Körpers. Sie verkennt, dass die Freiheit des Menschen sich nicht darin erschöpft, die äußeren Manifestationen zu gestalten – die größte Freiheit des Menschen besteht in der Wahl seiner inneren Einstellung zu dem äußerlich Vorgegebenen.

„Das, was auf den ersten Blick als Bürde erscheint, wird im zweiten zu einer Chance“

Es ist wichtig, dass die Medizin ihre einseitige Konzentration auf die technische Machbarkeit aufbricht und sich dem kranken Menschen auch im Sinne einer Heilkunde zuwendet, die ihn aufschließt für seine innere Befähigung, das, was schicksalhaft da und nicht zu ändern ist, dadurch zu überwinden, dass es als Bestandteil des eigenen Lebens angenommen wird. Das Krankwerden ist immer das Nichtgewünschte, ist immer das Widerständige, das man natürlich lieber nicht erleidet; aber wenn es da ist, unabänderlich da ist, dann hat jeder Mensch die Chance, so auf die Krankheit zu reagieren, dass sie nicht vollkommen sinnlos bleibt. Die Krankheit kann dann wie ein lebensnotwendiger Hinweis sein. Das Kranksein wirft unweigerlich letzte Fragen auf; es führt den Menschen an Fragen heran, die das, was ihn im Alltag beschäftigt, übersteigen. Die Krankheit löst eine Krise aus, und aus der Vergegenwärtigung der Krise kann eine Kraft ausströmen, die bewusstseinsklärend und blickschärfend sein kann. Diese aus der Krise entspringende Kraft darf in der modernen Medizin nicht vernachlässigt werden, weil auch diese Kraft eine heilsame Wirkung entfalten kann, wenn man sich nur auf den Patienten einlässt. Zur Therapie der Patienten gehört daher unabdingbar auch ein Zulassen und gar Möglichmachen einer inneren Kraft des Patienten. Dazu muss der Patient aber lernen, sich für das Wirksamwerden seiner inneren Heilkraft zu öffnen. Der Arzt, der Therapeut kann ihm dabei helfen, dieses Krankgewordensein als etwas anzusehen, das zur aktiven Bewältigung auffordert. Als etwas, das dem Menschen einen Auftrag erteilt, damit er sich nicht einfach der Krankheit ausgeliefert fühlt, sondern auch im Kranksein seine Ressourcen erkennt. Mit diesem Verweis auf die Chance der inneren Heilkraft will ich verdeutlichen, dass die meisten Patienten in ihrem krankheitsbedingten Leid eine Verbindung brauchen aus Sachlichkeit und Mitmenschlichkeit, eine Verbindung aus Technik und Beziehung, eine Verbindung aus den Möglichkeiten des Machens und den inneren Ressourcen des Annehmenkönnens. Nur wenn diese Verbindung hergestellt wird, können wir von einer humanen Medizin sprechen, die eben kein Reparaturbetrieb sein kann, sondern immer auf menschliche Zuwendung angewiesen bleiben wird. w

Prof. MaioProfessor Giovanni Maio war nach Medizin- und Philosophiestudium als Internist tätig. Seit 2005 hat er den Lehrstuhl für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet dort das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin.


Medizin ohne MaßIn seinem Buch „Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit“ (TRIAS Verlag, Stuttgart 2014) thematisiert Professor Maio Fragen, denen sich nicht nur Ärzte und Patienten dringend stellen sollten: Inwieweit ist Gesundheit machbar – und inwieweit auch Geschenk? Wohin führen uns die Versprechen der Reproduktionsmedizin? Warum ist die Frage nach der Organspende schwieriger, als es uns suggeriert wird? Und hat das Altsein nicht einen eigenen Wert?