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BIG DATA | Well

BIG DATA

Die Revolution, die unser Gesundheitsleben verändern wird
Viktor Mayer-Schönberger, Kenneth Cukier

Schoenberger Big DataCukier Big DataIm Jahr 2009 wurde ein neues Grippevirus entdeckt. Diese neue, als H1N1 bezeichnete Variante kombinierte Elemente des Vogelgrippe- und Schweinegrippevirus und breitete sich rasch aus. Schon nach wenigen Wochen warnten die Gesundheitsbehörden weltweit vor einer möglichen Pandemie. Einige Stimmen befürchteten eine der Spanischen Grippe von 1918 vergleichbare Seuche; damals hatten sich eine halbe Milliarde Menschen angesteckt, von denen einige Dutzend Millionen gestorben waren. Schlimmer noch war, dass vorerst kein Impfstoff gegen das neue Virus zur Verfügung stand. Die Gesundheitsbehörden konnten nur darauf setzen, die Ausbreitung der Seuche möglichst zu verlangsamen. Dazu musste man allerdings zunächst einmal das Ausmaß der Ausbreitung erfahren.

Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die amerikanische Seuchenbekämpfungsbehörde, führte eine Meldepflicht der Ärzte für neue Grippefälle ein. Allerdings war das so gewonnene Bild des Fortschreitens der Epidemie immer um eine oder zwei Wochen veraltet, da die meisten Menschen nicht sofort zum Arzt gehen, wenn sie sich krank fühlen. Auch die Übermittlung der Meldungen an die Zentralstellen dauerte ihre Zeit, und die CDC fasste die Zahlen nur einmal wöchentlich zusammen. Bei einer sich rasch ausbreitenden Epidemie sind zwei Wochen Zeitverzug eine Ewigkeit. Diese Verspätung machte die Gesundheitsbehörden im entscheidenden Zeitraum praktisch blind.

Zufällig nur wenige Wochen davor hatten Software-Entwickler des Internetriesen Google in der Fachzeitschrift Nature einen interessanten Aufsatz veröffentlicht.

„Google kann die Grippeausbreitung unmittelbar feststellen“

Bei Gesundheitsbehörden und Computerexperten sorgte er durchaus für Aufsehen, blieb aber in der Öffentlichkeit ziemlich unbemerkt. Die Autoren erklärten darin, wie die Suchmaschine Google die Ausbreitung der jährlichen Grippeepidemie in den USA „voraussagen“ könne, und zwar nicht nur landesweit, sondern auch regional und sogar für die einzelnen Bundesstaaten. Das Unternehmen wertete dazu die Suchanfragen seiner Kunden im Internet aus. Weil die Suchmaschine täglich über drei Milliarden solcher Anfragen erhält und sie alle speichert, stand genug Datenmaterial zur Verfügung.

Die Google-Mitarbeiter vermuteten dabei zwar durchaus, dass es sich bei diesen Suchanfragen um grippe-spezifische Begriffe handeln könne – etwa „Medikamente gegen Hu-sten und Fieber“ –, doch war weder der Inhalt der Begriffe tatsächlich von Bedeutung, noch beruhte das entwickelte System darauf. Das System suchte stattdessen nur nach Korrelationen zwischen der der Häufigkeit bestimmter Suchbegriffe und der Ausbreitung der Grippewelle über Zeit und Raum. Insgesamt wurde die enorme Zahl von 450 Millionen unterschiedlicher mathematischer Modelle auf ihre Tauglichkeit geprüft, wobei jeweils die Voraussagen mit den tatsächlichen Grippedaten der CDC von 2007 und 2008 verglichen wurden. Und so fanden die Google-Entwickler tatsächlich das richtige Modell, das bei 45 Suchbegriffen eine starke Korrelation zwischen der darauf basierenden Grippevorhersage und den amtlichen landesweiten Zahlen zur Verbreitung der Epidemie aufwies. Google konnte damit die Ausbreitung der Grippe genauso gut wie die CDC feststellen, aber nicht mit ein oder zwei Wochen Verspätung, sondern praktisch unmittelbar.

Neu ist dabei, dass Google keine Gewebeproben einsammelt oder Berichte von Hausärzten auswertet. Mit dieser speziellen Methode in Big Data, „Anfragen an die Suchmaschine anonym auszuwerten“, verfügt die Menschheit über ein neues Instrument, um im Falle einer Pandemie die Ausbreitung vorauszusagen und damit zu verhindern. w

Buchtitel-Big-DataViktor Mayer-Schönberger ist am Oxford Internet Institute tätig und berät Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen. Kenneth Cukier ist Daten-Editor bei The Economist. Sie schrieben zusammen das Buch Big Data, das aktuell im Redline Verlag, München 2013 erschienen ist. Sie lesen einen leicht bearbeiteten Auszug.